Als „Fußnoten“ zu den ersten Sitzungen des Lesekreises zur materialistischen Staatskritik hat ein Teilnehmer eine längere Mail über den Verteiler geschickt, welche wir hier (in Absprache mit ihm) in Auszügen dokumentieren.

 

I. Zu den „kritischen Randglossen“:

1. Den Artikel, auf den Marx reagiert, findet ihr hier – es gibt auch ein lesefreundlicheres Transkript unter: brunoleipold.com/marx-resources (letzter Eintrag auf der Seite) [Mirror].

2. Der Autor war ein (früher) Weggefährte von Marx – Arnold Ruge. Zum Verhältnis der beiden (bzw. zu dessen Ende) und zu Ruges Standpunkten (gerade im Horizont des Themas unseres Lesekreises interessant):

„Der unmittelbare Anlass zum Bruch zwischen [Karl] Marx und [Arnold] Ruge war der Dichter Georg Herwegh. Ruge hatte an Herwegh […] dessen ausschweifenden Lebensstil gerügt, der die Entfaltung seiner dichterischen Fähigkeiten hemme. Marx war hierüber verärgert, und im Mai 1844 teilte er Ruge schriftlich mit, dass er die Beziehungen zu ihm abbrechen wolle. Selbst nach diesem Zerwürfnis aber lassen sich keine wirklich gravierenden Meinungsverschiedenheiten zwischen Marx und Ruge feststellen. Der eigentliche Ursprung ihrer Differenzen lag in ihrer Einstellung zu Feuerbach. […] Ruge [war] vor allem von Feuerbachs Gedanken [in ‚Das Wesen des Christentums‘] beeindruckt, religiöse Ideen seien lediglich Idealvorstellungen eines Gattungswesens, die hier auf Erden nie verwirklicht worden seien und daher auf eine unwirkliche jenseitige Welt projiziert würden. Feuerbach war mit dieser Anschauung zu einer Art politischer Religion gelangt, die viele Hegelsche Züge bewahrt hatte – im Grunde war sie nichts anderes als der Gedanke von der immer sichtbaren Manifestation des menschlichen Geistes in der Geschichte. Marx war dagegen mehr von [Feuerbachs ‚Vorläufigen Thesen‘ und seinen ‚Grundsätzen‘] beeindruckt, in denen sowohl die Kritik an Hegel ausgeprägter als auch der materialistische Standpunkt klarer herausgearbeitet worden war. […]
Dennoch scheint Ruge im Allgemeinen mit Marx‘ Artikeln in den ‚Deutsch-Französischen Jahrbüchern‘ einverstanden gewesen zu sein und lediglich stilistische Einwände vorgebracht zu haben. […] Es ist sicherlich richtig, dass Ruge trotz dieser Gemeinsamkeiten mit Marx im Grunde ein Idealist blieb. […]
Der entscheidende Unterschied zu Marx bestand in Ruges Überzeugung, dass der Staat – zwar nicht der gegenwärtige, aber doch ein zukünftiger, reformierter Staat – Einigkeit und Freiheit der Menschen herbeiführen könne. […] Ruge war der Meinung, dass der Staat sich […] bereits in dieser Richtung entwickle. […] Die Gemeinsamkeiten von Ruges und Marx‘ Denken waren, was die Themen Mensch, Gesellschaft, Arbeit und Ausbeutung betraf, trotz Ruges damals stark ausgeprägter Neigung zu einer Art ‚Staatssozialismus‘ so groß, dass es durchaus gerechtfertigt erscheint, wenn er ihre Differenzen in der Öffentlichkeit für minimal erklärte. […] Ruge schloss [einen offenen Brief zu den Divergenzen zwischen ihm und Marx im ‚Vorwärts‘], indem er das Ende von Marx‘ Aufsatz ‚Zur Judenfrage‘ zitierte und dessen Ausführungen voll beipflichtete.
Diese Darstellung mochte [noch Anfang Juli 1844] […] richtig gewesen sein, dennoch war drei Wochen später ein Artikel von Ruge in derselben Zeitung der Anlass für Marx, sich öffentlich von ihm loszusagen. […] Marx‘ Artikel [‚Kritische Randglossen‘] führte zum Bruch zwischen ihm und Ruge […].“¹

3. Für die weiteren Diskussionen würde ich vorschlagen, folgenden Satz aus diesem Textausschnitt festzuhalten: „Der Staat ist tätiger, selbstbewusster und offizieller Ausdruck der jetzigen Einrichtung der Gesellschaft.“ (MEW 1, 402 [Handout S. 2, Erster Absatz]).

 

II. Zu „Zur Judenfrage“:

1. Die beiden Texte von Bruno Bauer, die Marx kritisiert, kann man online finden. „Die Fähigkeit der heutigen Juden und Christen, frei zu sein“ gibt es als Transkript hier – „Die Judenfrage“ gibt es nur als Scan (in Fraktur), entweder hier oder in einer von Google leicht aufgearbeiteten Form hier.

2. Zur Frage, wann der Bruch zwischen Marx und Bruno Bauer erfolgte (und ob sie sich auch privat zerstritten):

„Der Fundus, der von Marx und Bauer geteilten philosophischen Überzeugungen, hatte sich – beginnend im Sommer 1841 – nach und nach erschöpft. Verblieb Marx‘ Trennung von Bauers ‚Philosophie des Selbstbewusstseins‘ noch innerhalb der junghegelianischen spekulativen Philosophie, so bedeutete die Feuerbach-Rezeption im Verein mit Marx‘ ‚Kritik des Hegelschen Staatsrechts‘ ([MEW 1,] 201-333[, 1843]) jetzt den Bruch mit dem Idealismus überhaupt. […]
Die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Marx und Bauer erkalteten unmittelbar nach Marx‘ Absage an dessen ‚Philosophie des Selbstbewusstseins‘ und seinem eigenen Schulterschluss mit Ruge. Trotzdem kam es zwischen Marx und Bruno Bauer zeitlebens nicht zu einem schroffen Abbruch der persönlichen Beziehungen. Die Trennung in Fragen der Philosophie war eine ganz andere Sache. Und die Dokumente dieser Trennung liegen uns vor in ihren Schriften zur Frage der Judenemanzipation.“²

3. Wer die Fabel von Äsop, aus der sich die Formulierung „politische Löwenhaut“ herleitet, noch einmal (im griechischen Original oder in Übersetzung) nachlesen möchte, findet eine Übersetzung z.B. hier.

 

III. Nebenschauplätze:

1. Während der Diskussionen kam (im Zusammenhang mit der doch treffenden Bemerkung, dass es bei Religiösen aus Sicht des Staates immer das Problem gebe, dass diese eben über dem ‚Himmel des politischen Staats‘ (vgl. Handout S. 3, erste zwei Zeilen) noch einen weiteren, nämlich den religiösen Himmel kennen [einfacher formuliert: Über den staatlichen Gesetzen stehen für die Religiösen immer noch die göttlichen Gesetze]) die Frage nach den Vorstellungen vom Jenseits/Paradies im Judentum auf. Es fiel mir schwer, wirklich gute Antworten darauf zu finden – teilweise widersprechen sich die Einführungsbände zu dem Thema krass (was aber, wenn man bedenkt, dass es im Judentum keine zentralen Lehrautoritäten gibt und schon immer [fast] alles zur Debatte stand, nur folgerichtig ist). Ganz treffend (wenn auch unbefriedigend) scheint mir aber dies hier:

“Was geschieht nach dem Tod? Wir wissen es nicht. […] Dennoch gibt es einen Glauben an ein Leben oder eine Existenz nach dem Tode, aber es gibt keine systematische Struktur im Glauben an verschiedene Formen von Himmel und Hölle. Es gibt auch viele Juden, die diesen Glauben nicht teilen. Wer hat nun recht? Genau das ist die Streitfrage: denn dies ist eine Angelegenheit des Glaubens, nicht der Gewissheit. Im Tanach [Bibel] lesen wir vage Hinweise […] Zur Zeit der Mischna (Sammlung von Lehrsätzen der mündlichen Tora [Talmud]) gab es Konzepte einer ‚künftigen Welt‘ (‚Olam Haba‘) […]. Man findet poetische Anspielungen […], aber in Wirklichkeit gibt es keinerlei Anhaltspunkte dafür, was als eine richtige Darlegung dessen gelten kann, was uns erwartet, wenn unser Erdenleben zu Ende gegangen ist.“³

2. Ebenso kamen wir auf die Frage, was denn Moral mit Gesellschaftskritik zu tun haben soll – es ist dazu selbstredend schon viel geschrieben worden – ich empfehle einen Blick in’s Audioarchiv (auch auf die Kommentare). Lesenswert ist vor allem der dort erwähnten Aufsatz von Christine Zunke aus dem Sammelband „Die Moral in der Kritik“. Während der letzten Sitzung hatten wir dieses Problemfeld auch kurz am Begriff „Freiheit“ beispielhaft angeschnitten. Ich zitiere dazu mal folgende ebenso prägnante wie zutreffende Darstellung:

„Wenn auf eine bestimmte Art und Weise in der Gesellschaft gedacht, gesprochen oder gehandelt wird, dann fragt Ideologiekritik mit welchem Recht dies geschieht. Die in einer Gesellschaft herrschenden (diskursiven) Praktiken sind dabei zumindest nicht einfach falsch, sondern entsprechen in der Regel einer bestimmten Logik, nach der die Mitglieder in einer Gesellschaft miteinander verkehren. Insofern ist es etwa nicht einfach falsch, davon zu sprechen, dass die Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft fei sind, denn sie haben bestimmte Rechte, die sie vor Willkür schützen sollen. Zugleich sind sie aber knallharten ökonomischen Zwängen unterworfen, denen sie sich um ihrer Selbsterhaltung willen beugen müssen und auf die sie nur einen geringen Einfluss nehmen können. Insofern sind sie unfrei. […] Wer von Freiheit spricht, meint Freiheit sich zu verdingen. Gleichzeitig ist aber als Idee oder Anspruch im Begriff der Freiheit etwas mitgedacht, das über ihre beschränkte Verwirklichung hinausweist; etwa die Vorstellung davon, sich als Subjekt ganzheitlich und selbstbestimmt entfalten zu können. Die Diskrepanz zwischen dem Anspruch auf eine nach vernünftigen Zwecken eingerichtete Welt und den zahlreichen Zwängen, durch welche das eigene Leben als heteronomes erfahren wird – von denen das Subjekt sich auch durch Reflexion oder ihrer Kehrseite, einer positiven Einstellung, nicht befreien kann – ist explizit zu machen. Es bleibt zunächst nichts Anderes übrig, als diesen Widerspruch auszuhalten“.

 

P.S.:
Wer noch Erheiterndes über den Kreis der Junghegelianer – wenn sie eine Band gewesen wären [übrigens auch (teilweise) der Originaltitel des oben zitierten Buches von McLellan]: „Karl Marx and the Young Heglians (the Bauer Brothers, Ruge, Stirner and co)“ – lesen möchte, der*dem empfehle ich die von Friedrich Engels (zusammen mit Edgar Bauer) verfassten humoristischen Charakterisierungen in der satirischen ‚Antiheldengeschichte‘ „Die frech bedräute, jedoch wunderbar befreite Bibel. Oder: Der Triumph des Glaubens“, die anlässlich des Rauswurfs von Bruno Bauer aus der Universität 1842 entstanden ist, siehe MEW 41, S. 299ff. (online z.B. hier). Meine persönliche Lieblingsstelle:

„Die Frechsten sendete vor allen doch Berlin.
Schamlos ziehn sie daher, voran der breite Arnold [Ruge],
Ihm nach in wilder Jagd ein wüster Zug von Narr’n tollt;
Weit übertraf er noch den Jakobinerklub,
Der hinter Arnold tost, der Atheistentrupp. […]
Wer raset neben ihm, bemuskelt wie ein Brauer?
Das ist der Blutdurst selbst, es ist der Edgar Bauer.
Sein braunes Antlitz ist von Bartgesproß umwallt,
An Jahren ist er jung, an Listen ist er alt.
Von außen blaubefrackt, von innen schwarz und zottig,
Von außen Modemann, von innen sanscüllotig. […]
Seht [Max] Stirner, seht ihn, den bedächt’gen Schrankenhasser,
Für jetzt noch trinkt er Bier, bald trinkt er Blut wie Wasser.
So wie die andern schrein ihr wild: à bas les rois! [nieder mit den Königen!]
Ergänzet Stirner gleich: à bas aussi les lois! [nieder auch mit den Gesetzen!] […]
Kaum sind zur Stelle sie, da tost heran der [Bruno] Bauer,
Gehüllt in Qualm und Dampf, und Höllenregenschauer.
Er rast im grünen Rock, ein schmaler Bösewicht,
Den Höllensohn verrät das lauernde Gesicht.
Er schwingt die Fahne hoch, daß rings die Funken flogen
Von seiner Schmachkritik der Bibel einen Bogen.
Wer jaget hinterdrein mit wildem Ungestüm?
Ein schwarzer Kerl aus Trier, ein markhaft Ungetüm. [Karl Marx]
Er gehet, hüpfet nicht, er springet auf den Hacken
Und raset voller Wut, und gleich, als wollt‘ er packen
Das weite Himmelszelt und zu der Erde ziehn,
Streckt er die Arme sein weit in die Lüfte hin.
Geballt die böse Faust, so tobt er sonder Rasten,
Als wenn ihn bei dem Schopf zehntausend Teufel faßten.“

 

 

 


¹ McLellan, David, Die Junghegelianer und Karl Marx (Ü. a. d. Engl.: Renate Zauscher), München:dtv 1974, 53-57.
² Walser, Rudi, Autonomie des Selbstbewusstseins. Eine Untersuchung zum Verhältnis von Bruno Bauer und Karl Marx (1835-1843), Tübingen/Basel:Francke 1994 (Basler Studien zur Philosophie 4), 157. Teilweise anders Zvi Rosen, die „Zur Judenfragen” als Ausgangspunkt der Differenzen ausmacht, welche ihren Höhepunkt durch „Die Heilige Familie“ erreicht hätten. Vgl. Rosen, Ziv, Bruno Bauer and Karl Marx. The influence of Bruno Bauer on Marx’s thought, Den Haag:Nijhoff 1977 (Studies in social history 2), 223 (Als Randnotiz anzumerken wäre vielleicht noch, dass Rosen Bauers Rolle als zeitlich erster Kritiker von Marx‘ kommunistischen Theorien (also noch vor Max Stirner) herausstellt).
³ Rothschild, Walter, 99 Fragen zum Judentum (Ü. a. d. Engl.: Götz Elsner), Gütersloh:Gütersloher 3-2005, 127. Siehe auch: Stemberger, Günter, Jüdische Religion, München:Beck, 7-2015, 107-111 und Much, Theodor, Zwischen Mythos und Realität. Judentum, wie es wirklich ist. Eine Analyse, Wien/Klosterneuburg:Va Bene 2008, 94-97.
Christine Zunke, Es gibt nur einen vernünftigen Grund, Freiheit gesellschaftlich verwirklichen zu wollen: Moral, in: Ellmers, Sven/Elbe, Ingo (Hg.), Die Moral in der Kritik. Ethik als Grundlage und Gegenstand kritischer Gesellschaftstheorie, Würzburg 2011, S. 11-37.
Grosz, Stefan/Polcik, Agathe/Seer, Thassilo/Thumann, Jan, Vorwort. Qui dit étude dit travail, in: dies./AstA der Uni Münster (Hg.), Aufsätze zur Ideologiekritik, Münster:AStA-Druckerei 2016, S. 6-11, hier: 9-10 (Den lesenswerten Reader gibt es auch komplett online!).
Friedrich Engels (zusammen mit Edgar Bauer), Die frech bedräute, jedoch wunderbar befreite Bibel. Oder: Der Triumph des Glaubens. Das ist: Schreckliche, jedoch wahrhafte und erkleckliche Historia von dem weiland Licentiaten Bruno Bauer; wie selbiger vom Teufel verführet, vom reinen Glauben abgefallen, Oberteufel geworden und endlich kräftiglich entsetzet ist. Christliches Heldengedicht in vier Gesängen (1842), MEW 41, 300-301.

 

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