Kunst, Freiheit und Gesellschaft bei Adorno und Sartre
Veranstaltungsreihe im Club Courage // Friedensstraße 42 (Hinterhof)
 

Im Documenta Jahr 2012 zeigte sich in Kassel der derzeitige, weltweite Kunstbetrieb. Die Ausstellungswochen wurden in Zeitung und Fernsehen angepriesen und erreichten hohe Besucher*innenzahlen, wurden zum gesellschaftlichen Ereignis. In der Kunst scheint zudem möglich, was im öffentlichen Bewusstsein oft verdrängt wird: Kritik an gesellschaftlichen Missständen, vermittelt durch eine Freiheit in Form und Ausdruck. Worin allerdings die Widersprüche innerhalb der Kunst liegen und warum Kunst selten Widerspruch seitens der Gesellschaft erfährt wird selten diskutiert. Innerästhetische Diskurse verbleiben in der Regel bei einem kleinen Interessent*innenkreis und werden nicht zu gesellschaftlichen Diskursen und Auseinandersetzungen.

Dass es sich auch anders verhalten kann, zeigen die Philosophien von Jean-Paul Sartre und Theodor W. Adorno. Beide üben nicht nur eine Kritik an der warenproduzierenden Gesellschaft und den autoritären Versuchen ihrer Aufhebung, sondern stehen auch für eine Kunst und Kunsttheorie, die Einspruch gegen stumpfen und affirmativen Kunstgenuss ist. Denn Obwohl Kunst in ihren Formen – ästhetischen Produktionsbedingungen – verhaftet bleibt, kann sie in ihrer daraus resultierenden Autonomie den Individuen im Ausdruck einen Raum öffnen, der über ihre Alltagserfahrung hinausweist.

Insbesondere am Streit beider Autoren über den Begriff des „Engagements“ soll diese Veranstaltungsreihe die Fragen nach Gesellschaft, Autonomie und Freiheit erneut stellen und veranschaulichen, welche Auswirkungen dies auf das Kunstverständnis und die Kunst hatte und hat.
 

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Die Veranstaltungsreihe besteht aus vier Vorträgen mit anschließenden Diskussionen und einem Tagesworkshop. Der Eintritt ist frei.

 
21.05.2013 – 19:30 Uhr:
Der Streit um das Politische (in) der Kunst
Literatur nach Auschwitz bei Adorno, Brecht und Sartre

Vortrag und Diskussion mit Dr. Marc Kleine
[ Ankündigungstext ]
 

04.06.2013 – 19:30 Uhr:
Freiheitsbegriff und ästhetische Erfahrung bei Adorno
Vortrag und Diskussion mit Dr. Gerhard Scheit
[ Ankündigungstext ]
 

18.06.2013 – 19:30 Uhr:
Freiheit und Souveränität
Kritik der Existenzphilosophie Jean Paul Sartres

Vortrag und Diskussion mit Manfred Dahlmann
[ Ankündigungstext ]
 

02.07.2013 – 19:30 Uhr:
Sartre par lui même
Vortrag und Diskussion mit Friedrich Weber-Steinhaus
[ Ankündigungstext ]
 

20.07.2013 – 10-18 Uhr:
Adorno und die Suche nach der Freiheit im falschen Ganzen
Tagesworkshop mit Christian Thein
[ Ankündigungstext ]
 

 

 

 

Der Streit um das Politische (in) der Kunst
Literatur nach Auschwitz bei Adorno, Brecht und Sartre

Vortrag und Diskussion mit Dr. Marc Kleine

„Lieber keine Kunst mehr als sozialistischer Realismus.“ – Die apodiktische Schärfe, mit der Theodor W. Adorno literarische Werke attackierte, die Partei ergreifen für sozialistischen Aufbau und Fortschritt, zog meist erbitterte Polemiken nach sich. ‚Dekadenz‘ und, ‚asoziale Abkehr von der Gesellschaft‘, lauteten die Vorwürfe. Insbesondere haderten seine Kritiker*innen mit der Kritik an Bertolt Brechts und Jean-Paul Sartres Konzepten engagierter Literatur. Dabei wurde eines allerdings geflissentlich übersehen: dass Adorno keineswegs einer Kunst um ihrer selbst willen das Wort redete, sondern fragte, wie Kunst nach Auschwitz überhaupt noch möglich sein kann. Ob Adornos Kritik am „Engagement“ der Literatur vielleicht eben deshalb weder das existentialistische Freiheitspathos noch die marxistische Utopie in der Literatur gelten lassen wollte, darum soll es in der Veranstaltung gehen.
 

Zum Referenten: Dr. Marc Kleine, Literaturwissenschaftler und Lehrer aus Münster, veröffentlichte 2012 eine Studie zu Literatur nach Auschwitz in Adornos ästhetischer Theorie, schreibt u.a. in “Zeitschrift für kritische Theorie”.
 

Dienstag, 21.05.2013, 19:30 Uhr
Club Courage // Friedensstraße 42 (Hinterhof) // 48145 Münster

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Freiheitsbegriff und ästhetische Erfahrung bei Adorno
Vortrag und Diskussion mit Dr. Gerhard Scheit

Adorno fügte dem Ausdruck Erfahrung ein Epitheton hinzu, das sie als unreglementierte oder ungegängelte charakterisiert. Es wird damit einerseits dem Kantschen Begriff als philosophischem Reglement des Intelligiblen widersprochen, andererseits der genau entgegengesetzten Vorstellung, wonach Erfahrung in Spontaneität aufginge, sodass sie kraft ihres Ursprungs im „Leibhaften“ gegenüber der Gängelung schon autonom wäre.
Dieser doppelte Widerspruch, der von seinen Adepten immer zugunsten einer Seite aufgelöst wird, ist Adornos Begriff von der Sache – während der Jargon, der ihn imitiert, Erfahrung durch Idiosynkrasien ersetzt, um letztlich, was zur Urteilskraft werden könnte, dem Reglement des Geschmacks, dem Feuilleton, oder der Gängelung als Therapie, der Sachbuch-Psychologie Marke Selbsterfahrung, anheimzugeben. So spontan sie sei, setzt Erfahrung im Unterschied zur Idiosynkrasie immer schon voraus, dass ein Bewusstsein, eine Freiheit, da sein muss, sie auch zu machen, und zwar im Angesicht des Reglements. Sie reflektiert damit contre cœur auf die „Vorgängigkeit der von den einzelnen Menschen und ihrem Verhältnis abgelösten, abstrakt rationalen Beziehungen, die am Tausch ihr Modell haben“.
 

Zum Referenten: Gerhard Scheit, Dr. phil., lebt als freier Autor in Wien; studierte Musik, Philosophie und Theaterwissenschaft in Wien und Berlin. Arbeiten zur Kritischen Theorie, über den Souverän und die Ästhetik in der Moderne; Mitherausgeber der Jean Améry Werkausgabe und der Zeitschrift sans phrase. Bücher u. a.: Verborgener Staat, lebendiges Geld. Zur Dramaturgie des Antisemitismus (1999); Suicide Attack. Zur Kritik der politischen Gewalt (2004); Quälbarer Leib. Kritik der Gesellschaft nach Adorno (2011).
 

Dienstag, 04.06.2013, 19:30 Uhr
Club Courage // Friedensstraße 42 (Hinterhof) // 48145 Münster

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Freiheit und Souveränität
Kritik der Existenzphilosophie Jean Paul Sartres

Vortrag und Diskussion mit Manfred Dahlmann

Philosophie, Erkenntniskritik oder Wissenschaftstheorie werden nicht als akademische Disziplinen erachtet, sondern als Grundlage, von der aus jeder einzelne Mensch denkt – ob er will, sich dessen bewusst ist oder nicht. Jeder also ist, unabhängig von dem gesellschaftlichen Status, den er sich selbst zuschreibt oder ihm zugeschrieben wird, im Grunde Philosoph – im originären Sinn des Wortes. Das Problem besteht weniger darin, dass uns die Kenntnis fehlte, wie gesellschaftlich anerkannte philosophische Autoritäten gedacht haben, sondern darin, dass wir uns, nicht zuletzt aus Angst vor unserer Freiheit, weigern, in der gleichen Radikalität wie diese auf die Voraussetzungen unseres Denkens und Handelns zu reflektieren. Im Verlaufe des Vortrag wird Manfred Dahlmann sein gleichnamiges Buch vorstellen.
 

Zum Referenten: Autor des Buches „Freiheit und Souveränität. Kritik der Existenzphilosophie Jean Paul Sartres“. Wirkt als Mitglied des ISF Freiburg an den Publikationen des ça ira-Verlag mit. Mitherausgeber der seit Oktober 2012 halbjährlich erscheinenden “sans phrase. Zeitschrift für Ideologiekritik.”
 

Dienstag, 18.06.2013, 19:30 Uhr
Club Courage // Friedensstraße 42 (Hinterhof) // 48145 Münster

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Sartre par lui même
Vortrag und Diskussion mit Friedrich Weber-Steinhaus

Das sartresche Spätwerk um die Fragment gebliebenen Studien zu Flaubert und die (autobiographischen) Selbstaussagen in „Sartre par lui meme“ hinterlassen die Leser*innen mit offenen Fragen. Aber der in Frage gestellte absolute Freiheitsbegriff, die Beschäftigung mit bürgerlicher Kunst des 19. Jahrhunderts, sind nicht nur als reflektierender Bruch, sondern auch als Schnittstelle zur Philosophie Theodor W. Adornos zu sehen: Beide betonen Freiheit, Unfreiheit und den hieraus resultierenden Begriff möglicher Praxis in Verbindung zum Subjekt, dessen Fähigkeit zur Erfahrung. Was Sartre mit der Selbstsetzung eines jeden Menschen und der daraus resultierenden Freiheit und Verantwortung, Adornos Reflexion darauf, „daß der ohnmächtige Einzelne durchs Bewußtsein seiner Ohnmacht doch seiner selbst mächtig bleibe“ meint, ist gleichzeitig die Intention das Einverständnis mit der alltäglichen Katastrophe aufzukündigen. Denn das Subjekt weist trotz seiner Verflochtenheit in diese über sie hinaus.

Anhand zentraler Begriffe und Filmausschnitten aus „Sartre par lui même“ sollen in diesem Vortrag Gemeinsamkeiten und Differenzen beider Autoren herausgearbeitet und diskutiert werden.
 

Zum Referenten: Friedrich Weber-Steinhaus, Studium der Literatur- wissenschaften und Philosophie, beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Kritischer Theorie und Existenzialismus.
 

Dienstag, 02.07.2013, 19:30 Uhr
Club Courage // Friedensstraße 42 (Hinterhof) // 48145 Münster

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Adorno und die Suche nach der Freiheit im falschen Ganzen
Tagesworkshop mit Christian Thein

Adornos Schriften sind gefühlt durchzogen von einem tiefgreifenden Pessimismus, der zum einen resultiert aus einer Analyse kapitalistischer und faschistischer Verhältnisse, zum anderen den Verfall des Subjekts in der Moderne in den Blickpunkt nimmt. Doch wie ist ein Denken, dass sich selbst das Transzendieren des Bestehenden zum telos setzt, in der Totalität des gesellschaftlichen Zusammenhanges überhaupt möglich? Wie ist im falschen Ganzen ein Handeln möglich, das sich querstellt und Freiheit intendiert? Diese Fragen berühren das Verhältnis von Gesellschafts- und Erkenntniskritik in Adornos Texten, die immer wieder den Brückenschlag zur ästhetischen Erfahrung versuchen. Diese einzelnen Grundgedanken aus der theorieimmanenten Komposition der einzelnen Modelle in Adornos Werk werden im Workshop in drei Schritten durch Kurzvorträge und die gemeinsame Lektüre und Diskussion prägnanter Textstellen vorgestellt.
 

Zum Referenten: Christian Thein, Lehrbeauftragter an der WWU Münster, promoviert über die Idealismusrezeption bei Adorno und Habermas.
 

[ Da die Teilnehmer*innenzahl begrenzt ist und damit wir die begleitenden Texte zuschicken können, bitten wir um rechtzeitige Anmeldung zum Workshop unter akkritischetheorie@yahoo.com ]
 

Samstag, 20.07.2013, 10-18 Uhr
Club Courage // Friedensstraße 42 (Hinterhof) // 48145 Münster

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Diese Veranstaltungsreihe findet statt mit freundlicher Unterstützung durch:

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